WARUM THEATER? 

 

 

 

Es ist mir ein Vergnügen, hier ein paar Ausschnitte aus Thaddäus Trolls nicht ganz ernst gemeintem Lexikon “Warum Theater?” (Rosengarten-Verlag Konstanz, 1967) in von mir gekürzter und aufgeschriebener, behutsam an die Allerneuste Deutsche Rechtschreibung angepasster Auswahl zu präsentieren. 

 

 

Abonnent. Kulturbeflissener, der an Hand einer im Preis stark reduzierten Theaterkarte periodisch kulturelle Rechte fordert und kulturelle Pflichten erfüllt. Dafür sind Abonnementsvorstellungen im Vergleich mit Premieren oft in der Qualität stark reduziert. Der regelmäßige Theaterabend des Abonnenten gleicht also in gewisser Hinsicht dem Sex-day des Amerikaners: er konsumiert, ohne eine eigene Wahl zu treffen, das, was ihm vorgesetzt wird, bevorzugt im allgemeinen Hausmannskost und erwartet daher vom Spielplan, dass er sich nicht allzu weit von der Generallinie zwischen der Jungfrau von Orleans und der Lustigen Witwe entferne. Die Feststellung des Abonnenten: “Für Lessing bin ich heute zu müde” - “Schon wieder was Amerikanisches!” - “Siegfried ist mir zu lang” - “Was Zwölftönernes bei diesen Börsenkursen” - “Tasso - das habe ich doch schon einmal gesehen? Führt bisweilen zu dem Entschluss, den Kulturgenuss jüngeren Familienangehörigen oder der Raumpflegerin abzutreten.
Dem Abonnenten sind in periodischen Abständen ein paar Abende reserviert, während derer er ganz still sitzen muss, weder rauchen noch widersprechen darf, nicht vom Telefon, Fernsehen und Familienärger gestört noch um seine Meinung gefragt wird. Aus Protest dagegen knistern gewisse Abonnenten während der Vorstellung mit Bonbontüten.
 

 

Absurdes Theater. Ist eine besonders modische Form des avantgardistischen Theaters. Ein absurdes Theaterstück enthebt den Autor der Pflicht, sein Werk nach dramaturgischen Gesetzen zu bauen und es logisch zu verknüpfen. Selbst der Zufall, eine Art Alleskleber für manche Autoren, braucht im absurden Theater, in dem erlaubt ist, was missfällt, nicht bemüht zu werden. Absurdes Theater ist bewusst schizophren, sinn-los, ver-rückt. Es spiegelt nach Ansicht seiner Verfechter die moderne Lebenssituation. Nach Ansicht der Kritiker jedoch wird diese Situation nur in einem logischen Trugschluss mit dem Weltbild der Verfechter identifiziert.
Absurde Theaterstücke zeichnen sich durch drei Vorzüge aus:
1. Sie können von jedermann beliebig verändert, gekürzt oder weitergedichtet werden, ohne dass es auffällt.
2. Sie deklarieren den, der den Mut hat, zu bekennen, dass sie ihn langweilen, zum verkalkten Reaktionär und Banausen.
3. Sie bieten dem VDT (Verband Deutscher Tiefenblödler E.V., siehe auch Kritiker) ein dank-, weil unkontrollierbares Deutelfeld. 
 

 

Applaus. Deutsch Beifall, ist die Quittung, die das Theater vom Publikum für gehabten bzw. entgangenen Genuss bezieht. Die Stärke des Applauses ergibt sich aus den Faktoren Lautstärke und Dauer, sie wird außerdem an der Zahl von Vorhängen gemessen, die der Applaus nach sich zieht. In Deutschland fällt man durch Klatschen, wenn es hoch kommt unterstützt von akademischem Trampeln, und wenn es köstlich gewesen oder die Familie eines Interpreten im Parkett sitzt, durch Bravorufe bei.
Der Kritiker enthält sich des Beifalls, um nicht in das in den Ganglienzellen seines Gehirns schwebende Verfahren einzugreifen, das sich einen Tag später gedruckt niederschlägt. Viele Kritiker in einer Vorstellung bedeuten daher für eine Premiere einen starken Applausabfall. Dem Kritiker obliegt es auch, den Beifall zu deuten, wofür ihm meist nur wenige adverbialische Klischees zur Verfügung stehen: freundlich, begeistert, mager, stürmisch. Schwacher Applaus wird von den Beteiligten als Zeichen tiefer Ergriffenheit, von den Kollegen als Zeichen gelangweilter Gleichgültigkeit des Publikums gedeutet. 
 

 

Avantgardistisches Theater. Ist seiner Zeit so weit voraus, dass ihm das Publikum nicht mehr zu folgen vermag.  

 

Bearbeitung. Deformierung eines literarischen Werkes eines meist toten Dichters, der sich nicht mehr wehren kann, zu einem Theaterstück. Besonders beliebte Bearbeitungsobjekte sind die Werke noch töterer Autoren, also solcher, die vor mehr als 70 Jahren gestorben sind und ihren Erben keine Tantiemen mehr einbringen. In diesem Fall ist die Bearbeitung eine Art literarischer Leichenfledderei. Der Bearbeiter ist ein Mann, dem nichts eigenes einfällt, und der sich daher an fremdem Gut vergreift. Hat der Bearbeiter literarische Potenz, so spricht man von einer Adaption (besonders erfolgreiche Adaptanten: Shakespeare und Brecht).  

 

Bühnenbild. Mehr oder weniger illusionäre Ausstattung der Bühne, die der Darstellung des Milieus dient, in dem das Stück spielt. Am einfachsten beim absurden Theater, bei dem eine umgekippte Mülltonne zur künstlerischen Aussage erhoben wird. Einfach auch in der antiken Tragödie: ein paar wackelnde Säulen, statt Stühlen Tempelstufen, stilisierte Pinien und Zypressen, die sich zu einem schütteren Hain zusammenrotten und deren charakteristische Konturen auch einem nicht mit Fantasie beschlagenen Bühnenbildner keine allzu großen Schwierigkeiten bereitet.
Heute herrscht die Tendenz vor, das Bühnenbild in Andeutungen symbolisieren zu lassen. So bedeutet eine einsame Carmen auf kahler Spielfläche deren Geworfensein ins existentielle Nichts. Wappen und Landkarten sind beliebte Symbolrequisiten, um Schauplätze zu kennzeichnen. Den Wilhelm Tell sah man in gezimmerten Fertigteilen spielen, als finde in Altdorf die Ausstellung einer Bausparkasse statt und erspare die Axt im Haus nicht etwa den Zimmermann, sondern den Maler.
 

 

Chor. Ansammlung von Damen und Herren in der Oper, die nicht einzeln zu singen wagen, sondern massiert in Gesang ausbrechen. Mitglieder des Chors haben meist so viele Dienstjahre auf dem Buckel, dass sie unkündbar sind. An einigen Theatern gilt: je älter das Mitglied des Chors, desto näher an der Rampe im Volksgewühl. So erscheint der Chor der Stubenmädchen leicht als Chor der Stubenmatronen, und der Aufzug der Krieger erinnert bisweilen an die Sedanfeier eines Veteranenvereins. Da die Mitglieder des Chores meist länger am Theater sind als Intendant, Dirigent und Regisseur, haben diese es oft schwer mit jenen, zumal jene meist gewerkschaftlich organisiert sind. Der Chor tritt in den verschiedensten Verkleidungen auf und stellt Mönche, Meister, Jägerburschen, Schnitterinnen, Heerwürmer oder einfach Volk dar. Verlangt er nach Noten “Stille, stille, macht kein Geräusch!”, wobei es scheppert, als ziehe eine Großklempnerei um, so wird meist ein Meuchelmord vorbereitet.
Der in der antiken Tragödie vorkommende Chor verzichtet auf Gesang. Er stellt entweder das Schicksal oder einen Kommentator vor. Der Chor in der antiken Tragödie besteht meist aus Greisen, so dass das Theater Gelegenheit hat, seine Pensionäre zu beschäftigen. Sie werden zu diesem Zweck in wallende Nachthemden gesteckt und mit einem Stoffrest aus dem letzten Ausverkauf ausgestattet, den sie malerisch über die Schulter werden, um also kostümiert Unheil zu verkündigen, in die Zukunft zu schauen und die so beliebten Astrologen zu vertreten.
 

 

Dirigent. Von den Damen gern gesehener häufiger Fluggast. Des Stardirigenten Namen vertritt oft den des Komponisten. Deshalb beweist die Frage “Kennen Sie Karajans Zauberflöte?” hohe kulturelle Ansprüche, wohingegen Einverständnis mit der Leistung des Dirigenten den Banausen kennzeichnet. Man behaupte also stets, er verschleppe die Tempi. Fällt einem beim besten Willen nichts auf, so rüge man, er dirigiere wie ein Metronom. Umgang mit Dirigenten hebt das Sozialprestige, weshalb man Dirigenten oft nur mit Vornamen nennt und von “Herberts Zweiter” spricht. Mag man einen Dirigenten nicht, so setze man vor seinen Nachnamen die Bezeichnung “Herr”, die im Deutschen leicht etwas Herabsetzendes hat.  

 

Dramaturg. Heißt der Mann im Theaterbetrieb, der Stücke liest und zur Aufführung vorschlägt, die nie gespielt werden. Der Dramaturg lebt im Schatten des Intendanten und des Regisseurs, die selten auf ihn hören, weshalb ihm zum Trost zuweilen der Titel “Chefdramaturg” verliehen wird. Nach Lessing, dem Erfinder derselben, ist die Dramaturgie die Theorie des Dramas. Das bedeutet, dass das Drama vor dem Dramaturgen da war, was dieser oft nicht wahrhaben will. Dem Dramaturgen eilt mancherorts der Ruf voraus, dass er als bedeutender Theoretiker alles vom Theater weiß, aber nichts vom Theater versteht.  

 

Festspiele. Deutsch: Festival. Es gibt deren dreierlei:
1. Solche, die den Namen verdienen.
2. Solche, deren Besuch sich lohnt.
3. Solche, die zur Hebung des Fremdenverkehrs mit dem Begriff hochstapeln.
Unter Punkt 1 fallen u.a. Bayreuth, Salzburg, Edinburgh.
Unter Punkt 2: Schwetzingen, wo als Beilage zu Spargel, Schinken und Omelettes Theateraufführungen und Konzerte offeriert werden. Das Operettenaquarium in Bregenz, wo auch rein kontinentale Geschehnisse wie das im Land des Lächelns oder im Zigeunerbaron in Wasser und Feuerwerk getaucht werden und als Höhepunkt der Aufführung jeweils ein bekleideter Mann ins Wasser fällt. 
 

 

Gast. Man unterscheidet drei Arten:
1. Der ständige Gast, besonders in der Oper, will sich an kein Ensemble binden, sondern verschreibt seine Kehle nur zeitweise einer Bühne, um das Gold darin für noch lohnender Gastaufgaben zu schonen.
2. Der Stargast, auf Plakaten zuweilen mit dem Stabreim bekannt von Film, Funk und Fernsehen geschmückt. In einem sonst recht mittelmäßigen Ensemble findet man ihn besonders oft in bescheidenen Boulevardtheatern und in Badeorten. Er agiert mit Herablassung auf einem meist unsichtbaren Podest, wo hinauf ihm alle Pointen zugespielt werden, erwartet schon bei seinem Auftritt Applaus und nimmt ihn am Schluss separat entgegen. Behauptet häufig, er sei es seinem Namen schuldig, Rollen zu spielen, die Jugend, Intelligenz, Diplomatie oder Nobilität voraussetzen, auch wenn er diese dem Publikum schuldig bleibt.
3. Einspringender Gast. Kommt oft z.B. von Stuttgart nach München, um dort einzuspringen, weil der Münchner Kollege die gleiche Rolle in Stuttgart spielt. Da einspringende Gäste manchmal keine Zeit, manchmal keine Lust, manchmal keine Gelegenheit zu einer Verständigungsprobe haben, tragen sie meist zur Aufheiterung trauriger Musikwerke bei.
 

 

Happening. Möglichkeit für einen Autor, dem nichts einfällt, in einem Provinztheater aufzufallen. Im Happening wird das Leben zum Theater erklärt, bei dem der Beschauer mitspielt, indem er mit Senf beschmiert wird, wobei er die Möglichkeit “zur Ja-Nein-Entscheidung besitzt” und das Theater “für eventuelle Schäden an der Kleidung nicht haftet”. Ein Happening artet in erster Linie in Langeweile, in zweiter Linie in Komik aus. Traurig - nicht tragisch! - wird es dort, wo seine Veranstalter es ernst nehmen.  

 

Intendant. Verantwortlicher Leiter eines Instituts schöpferischer Paranoiker, die, obgleich durch Neurosen, den Theaterausschuss, den Verwaltungsapparat und die Technik gehemmt, allabendlich ihrem Publikum ein künstlerisches X für ein realistisches U vormachen.
In der heutigen Zeit wird nach dem Grundsatz Nur ein Irrsinniger kann ein Irrenhaus leiten Intendantensessel meistens mit ehemaligen Regisseuren, Dramaturgen oder Schauspielern besetzt. Ist der Intendant mit einer Schauspielerin verheiratet, so besteht die Gefahr, dass alle weiblichen Hauptrollen vom Rautendelein bis zur Irren von Chaillot von derselben Darstellerin gespielt werden, die schlimmstenfalls auch noch Regie führt.
Vor seiner Wahl muss der Intendant ständig gängige Schlagworte wie Kunst für breiteste Volkskreise, Gefährdung der abendländischen Kultur, äußerstes Maßhalten, zu befriedigende Kulturbedürfnisse aller Schichten im Munde führen. Auch die Begriffe Sendung, Verpflichtung und deutsches Kulturerbe sowie die Sympathie einer der großen Parteien wirken wahlförderlich. Nach der Wahl muss der Intendant über einen breiten Rücken, eine eiserne Gesundheit, die Haut eines Elefanten und gute Nerven, kurz über die Konstitution eines Schwergewichtsboxers verfügen, um nicht zwischen den Querelen des Ensembles, der Kritik und den Pressionen der die Subvention gefährdenden Körperschaften zerrieben zu werden, zumal Intendantensessel nur auf drei Beinen zu stehen pflegen, von denen zwei schon angesägt sind, bevor der neugewählte Intendant darauf Platz nimmt. Der Intendant wackelt fast immer. Seine einzige Chance ist es, sich festzuwackeln. 
 

 

Kasse. In frequentierten Theatern die für den Kartenverkauf vorgesehene Stelle, an der man bestimmt keine Karten bekommt. In weniger ausverkauften Theatern Ort, an dem eine zuverlässigere Quittung als der Applaus es ist, für Erfolg oder Misserfolg einer Aufführung eingeht.  

 

Komiker. Von Natur trauriger, meist schlecht gelaunter, fast immer geiziger Darsteller heiterer Rollen. Da auf der Bühne ständig über ihn gelacht wird, hat seine Familie nichts zu lachen. Wacht eifersüchtig darüber, dass kein anderer Mitspieler eine Pointe hat, die einen Lacher nach sich zieht. Besteht diese Gefahr, so nimmt er dem Partner gern die Pointe weg. Komiker erklären oft, sie fühlten sich eigentlich für ernste Rollen wie den Hamlet oder den König Lear prädestiniert.  

 

Kritiker. Subjekt, das meist des Schreibens kundig ist und das sich bemüht, objektive Urteile, gegen die sich die Theaterleute schlecht wehren können, in vervielfältigter Form zu fällen. Viele Schauspieler behaupten, sie läsen keine Kritiken, was sie jedoch nicht daran hindert, daraus wortgetreu zu zitieren oder positive Kritiken flugs aus der Brieftasche zu ziehen.
Der Kritiker gleicht einem Eunuchen, der weiß, wie man es macht, es selbst aber nicht kann. Diese Tatsache wird ihm oft von Autoren und Schauspielern vorgeworfen, worauf ein schlagfertiger Kritiker antwortet: “Sie monieren doch auch, wenn ein Ei schlecht ist, obwohl Sie kein besseres legen können!”
Mit Witz geschlagene Kritiker können zuweilen die Tinte nicht halten, wenn ihnen eine Pointe einfällt. Deshalb wird oft um der Pointe willen kritischer Verrat geübt. Wenn Witz mit Klugheit gepaart ist wie bei Hanslick, Kerr und Hans Weigel, so sind auch pointierte Fehlleistungen amüsant. Kerr: “Sie ist keine gute Sängerin, sie ist auch keine gute Schauspielerin. Aber sie ist eine gute Vierzigerin!” Oder: “Ihr Ton ist so tief, dass man sich wundert, weshalb er keinen näheren Ausgang sucht”.
Bisweilen rächen sich die Betroffenen durch Gegen-Bonmots. So schrieb Reger an einen Kritiker: “Ich sitze auf dem kleinsten Ort des Hauses und lese Ihre Kritik. Noch habe ich sie vor mir…” 
 

 

Kulturwitwen. Meist Damen weiblichen Geschlechts, die das schwere Los, mit einem spinösen Künstler verheiratet zu sein, mit Fassung und ohne erlösende Scheidung überstanden haben und nun, von so schwerem Leiden erlöst, nicht mehr jene angesehene Rolle spielen, die ihnen an der Seite des Verschiedenen beschieden war. Sie genießen ihr nunmehr unkompliziertes Leben, vermissen aber das Ansehen, dessen sie einst teilhaftig waren, und treiben nun mit dem Vermächtnis des Dahingeschiedenen, nicht zuletzt in der Hoffnung, ihm noch einige Tantiemen abzumelken, einen Kult, der sich schlimmstenfalls in Erinnerungen schriftlich niederschlägt. (“Mein Leben mit ***”, “Ich war ***s Bibi”).  

 

Lacher. Der. Quittung des Publikums für Lustgewinn, vermittelt durch Schauspieler und Autor. Eine solche Quittung ist wiederum ein Lustgewinn für die Auslöser, wogegen ein ausgebliebener Lacher auf diese deprimierend wirkt. Wo der Dualismus einer Situation demonstriert wird, entsteht eine Spannung, die, durch das Zünden eines Witzes gelöst, den Lacher nach sich zieht.
Versierte Lustspielautoren, wie die beiden ehemaligen Schauspieler Arnold und Bach, wussten, wo ein Lacher sitzt und schrieben deshalb Große Lachpause in ihre Regiebemerkungen. Eine sogenannte Lachwurzen im Publikum wirkt ansteckend und provoziert Lacher, ein paar Dutzend Kritiker dämpfen sie Lachlust.
Mit sicheren Lachern kann man rechnen, wenn ein Mann in Frauenkleidern auftritt, die Hose verliert, sich in eine Torte setzt oder ins Wasser fällt.
 

 

Lampenfieber. Angst des Schauspielers vor der öffentlichen Darstellung einer fremden Existenz. Manche Schauspieler kennen kein Lampenfieber und erklären vor dem Auftritt einer Kollegin in der Kulisse noch die enorme Beschleunigung ihres Citroen, um dann im nächsten Augenblick mit den Worten “Einsiedelei ist mein Beruf und niemals hat mein Aug’ in Weibes Aug’ geblickt” vor ihren König zu treten. Als bei der Fußballweltmeisterschaft Deutschland gegen die Schweiz und die Stuttgarter Oper gleichzeitig die Zauberflöte spielte, verfolgte der Sarastro in seinen hinter der Bühne gelegenen heiligen Hallen den Match auf dem Fernsehschirm und teilte bei jedem Auftritt dem Dirigenten den Spielstand durch Zeichensprache mit. Hatte er als Ausdruck innerer Ergriffenheit die Hände über der Brust gekreuzt, so bedeutete das unentschieden, die rechte Hand am Herzen Deutschland führt, die linke an dieser Stelle kündigte dagegen einen Erfolg der Schweiz. Als er auftrat und von der rechten Hand noch zwei Finger spreizte, wusste der Kapellmeister 2:0 für Deutschland und gab die freudige Botschaft in der nächsten Pause zwischen zwei Musiknummern seinem gespannt harrenden Orchester weiter, das daraufhin besonders beschwingt musizierte.
Für andere Schauspieler und Sänger, die vor ihrem Auftritt vom Lampenfieber geschüttelt werden und in besonders schwierigen Fällen nur vom Arzt, Inspizienten oder Regisseur mit Gewalt auf die Bühne gebracht werden können, wäre solche Nebenbeschäftigung undenkbar. Die Fantasie heizt das Lampenfieber. Der davon befallene Schauspieler befürchtet in seiner Todesangst mitten im Hamletmonolog den Text zu verlieren, beim Rütlischwur von einem Anfall von Platzangst heimgesucht zu werden oder am Venusberg durch das Reißen eines unentbehrlichen Trägers Stripteasestimmung zu erzeugen. 
 

 

Langeweile. Da im Deutschen die Gleichungen unterhaltend = seicht und langweilig = tief gelten, fühlt sich jedes subventionierte Theater verpflichtet, ein gewisses Maß an Langeweile zu produzieren, um seinen Tiefgang zu beweisen. Da die Langeweile bei uns also als eine Schwester der Bildung angesehen wird, kann das deutsche Theater nicht auf sie verzichten.  

 

Oper. Durch Musik verstärktes Theaterstück, in dem die Glaubwürdigkeit ständig mit Ohrfeigen traktiert wird. Das Unbegreifliche, hier wird’s Ereignis, das Unwahrscheinlichste, hier wird es musikalisch kundgetan. Süße Geheimnisse werden, statt im Busen aufbewahrt, fortissimo ausgeplaudert. Der Dialog wird zum Duett. Da der gesungene Text schwer verständlich ist, wird er in manchen Opern, besonders in denen von Mozart, ständig wiederholt. Die Oper, selbst eine Art künstlerischer Witz, ist im Gegensatz zu diesem um so beliebter, je bekannter sie ist.
Strenggenommen ist die Oper weniger ein Auswuchs des Theaters als eine gesellschaftliche Institution. Wien wäre eher ohne Regierung als ohne Oper denkbar. Immer wieder totgesagt, wird die Oper zweifellos alle Totsager überleben. 
 

 

Operette. In der Operette wird alles zu Paaren getrieben wie beim Schnipp-Schnapp. Selbst das alte Mütterlein und der gütige Kaplan werden noch ein Paar, zumal der Kaplan gar kein geistlicher Herr, sondern ein verkleideter Graf ist und das Mütterchen gar kein Mütterchen, sondern ein neunzackige Krone im Nachthemd trägt, an dem der Graf die Jugendgespielin wiedererkennt. Nur zwei Diener bleiben übrig und können nicht unter die Haube gebracht werden, da das Glück der Operette im Gegensatz zu dem des modernen Schauspiels auf heterosexuelle Paare beschränkt bleibt.
Relikt von Opas Theater, Bastard aus Schwank und Oper, deren Darsteller aus heiterem Himmel heraus in Gesang, Tanz und Kalauer ausbrechen. Operetten sind oft von Militärmusikern ungarischer Herkunft mit Tönen garniert. Der Text ist in vertracktem Deutsch abgefasst. 
 

 

Pause. Intervall zwischen dem ersten und dem zweiten Teil einer Theateraufführung, während dessen dem Publikum Gelegenheit zum Auftritt gegeben wird. Dieser findet vor dem Kalten Buffet, im Foyer, im Erfrischungsraum oder in den Wandelgängen statt. Der Pausenwandel gibt den Damen Gelegenheit, ihre Garderobe zur Schau zu stellen.
Da das Rauchen in den dem Publikum zwecks Pausengespräch zugewiesenen Räumen in der Regen verboten ist, herrscht dort eine gereizte Stimmung, die sich im Pausengespräch niederschlägt. Dieses gibt der Dame und dem Herrn von Welt Gelegenheit, Bildung, Anspruch auf kulturelle Werte und Geschmack zu beweisen. Dabei sind gewisse Spielregeln einzuhalten. Der wahre Kunstkenner offenbart sich darin, dass er auch über faszinierende Aufführungen nur mit müder Nachsicht spricht. Die Oper eignet sich besser zum Pausengespräch als das Schauspiel. Folgende Sätze, die ihre Wirkung nicht verfehlen, können mühelos ins Pausengespräch eingeflochten werden:
Wenn ich daran denke, wie man früher in Dresden gesungen hat…
Was sagen Sie bloß zu der Harfe?
Schade, dass die Einsätze so verwaschen sind…
Der Ostinato des Bassfagotts im ersten Akt hatte mir zu wenig Spannung.
Man sollte nach Toscanini nicht mehr in die Oper gehen!

Als Abschluss eines Pausengesprächs eignet sich folgender Satz, jeweils nach dem Werk leicht variiert:
Wissen Sie, diese Oper ist für mich die reinste Inkarnation des mediterranen Soseins im absoluten Einssein mit dem sinnlichen Zuhandensein. Nur den Dirigenten - den müsste man erschießen! 
 

 

SängerInnen. Operndarsteller, denen das Bewusstsein, Gold in der Kehle zu haben, jene selbstbewusste Würde verleiht, die es ihnen gestattet, allerlei Unsinn von sich zu geben, ohne selbst darüber lachen zu müssen: Heinrich von Zweter bin ich genannt, lehn’ meine Leier an die Wand. Nur von hartnäckigen Regisseuren wie Rennert oder Felsenstein lassen sich SängerInnen von der Rampe verjagen und sich dazu überreden, ihre Behauptungen wie Die Liebe vom Zigeuner stammt oder Wie eiskalt ist dies Händchen oder Behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein auch schauspielerisch glaubhaft zu machen. Die Beleibtheit eines Sängers tut seiner Beliebtheit kaum Abbruch, ja von Bässen werden Humor und Bauch geradezu erwartet, von Tenören dagegen, denen man eine gewisse geistige Schlichtheit nachsagt, ein reiches Liebesleben.  

 

SchauspielerIn. Künstler, der sich mit nahezu natürlichen Mitteln, also ohne Hilfe von Musik und Tanz, bemüht, das Publikum durch die Darstellung einer fremden Existenz zu erheitern, -heben, -freuen oder -schüttern. Sein Beruf ist es, außer sich zu sein und Dinge zu reden, die ein anderer für ihn gedacht hat. Solche Tätigkeit kann nicht ohne Auswirkung auf die Persönlichkeit bleiben. Im Leben des Schauspielers verwischen sich deshalb oft die Grenzen zwischen Spiel und Realität. Die Lust am Sich-zur-Schau-Stellen, die Freude am Szenen-Machen überträgt sich häufig auch auf das Privatleben, in welchem dem Schauspieler, dessen Beruf ihn schizophren macht, der §51 zuzubilligen ist. Sich in einen Schauspieler oder eine Schauspielerin mit Erfolg zu verlieben, garantiert eine an Überraschungseffekten dem absurden Theater kaum nachstehende Episode.
Man kann zwei Typen von Schauspielern unterscheiden: solche, die mit intuitiver Sicherheit in eine Rolle schlüpfen und sie bestechend ausfüllen, ohne sie vorher intellektuell zu erfassen. Prototyp war Werner Krauss. Andere erfassen eine Rolle erst intellektuell, bevor sie sie anziehen wie einen Maßanzug. Prototyp war Gustaf Gründgens.
Die Schizophrenie der Schauspieler zeigt sich auch im Umgang mit ihresgleichen. Vergleicht man die liebenswürdigen Komplimente, die sie sich nach einer Premiere machen, mit den Äußerungen über die Leistungen eines Kollegen, wenn dieser nicht anwesend ist, so begreift man erst die ganze Spannweite ihrer Kunst. In der Kennzeichnung von Kollegen bringen sie es oft zu satirischer Meisterschaft. So heißt der besonders empfindsame Kortner in Kollegenkreisen Mimoses; eine großartige Koloratursängerin, deren intellektueller Glanz den der Stimme nicht ganz erreicht, Die Dumme von Portici. Von Piscator sagten noch zu seinen Lebzeiten maliziöse Kollegen: Er ist ein großartiger Regisseur. Schade, dass er tot ist!
 

 

Spielplan. Versprechen des Theaters, das meist nicht eingehalten wird, da dieser bei größeren Bühnen von Imponderabilien der verschiedensten Art abhängig ist: Fernsehurlaub prominenter Schauspieler; dem Stück, das berühmte Regisseure gerade auf der Pfanne haben und das sie als Test für eine Inszenierung in New York, Bayreuth irgendwo probeweise verbraten wollen; Stadium der Beziehungen, in welchem sich eine Sängerin gerade zum Regisseur befindet. De Spielplan einer größeren Bühne aufzustellen, bedeutet die Pläne, die Psyche, die Forderungen und die Physis der Stars in Einklang mit den Terminen des Abonnements und der Festspiele, den Flugplänen, dem Budget, der Technik, dem eigenen Ensemble, den intellektuellen Fähigkeiten des Publikums, den gewerkschaftlichen Forderungen der Technik und den Erwartungen der Presse zu bringen.
Nach der derzeitigen politischen und literarischen Lage sollten im Normalspielplan, von den Eckpfeilern Wilhelm Tell und Lustige Witwe getragen, in einer Spielzeit folgende Personen auftreten:
20 antike Helden und Bösewichter, reich garniert
15 Priester, nach dem Konfessionsschlüssel der Stadt aufgeteilt, wobei Katholiken mit drei multipliziert werden
5 Generäle, davon 3-4 historische
2 Dirnen, die zu Kreuze kriechen
5 Atomforscher, von denen drei mit Skrupeln behaftet sind
8-10 biblische Gestalten
5 Helden, davon 3 aus dem Hochadel, 2 aus dem Volk
10 Psychopaten und Hysteriker bis zum Sadisten, darunter 2-3 alte Damen
2 Narren
12 Recken und Reckinnen, für die Oper mehr
10 Vergangenheitsbewältiger
15 Personen mit unbewältigter Vergangenheit
Verschiedene Tote, die ins Spiel eingreifen, anstelle der veralteten Gespenster, die nur noch in Lustspielen zulässig sind
1 Widerstandskämpfer aus der christlichen Gewerkschaft oder dem Generalstab, keineswegs aus der Kommunistischen Partei.
Dieses Aufgebot, das allen Verbraucherwünschen gerecht wird, bildet ein sicheres Fundament für die nächsten Subventionen.
 

 

Unterhaltung. Ist im deutschen Theater suspekt. Unterhält sich der Abonnent bei einer Vorstellung, so schöpft er den Verdacht, Autor und Regisseur hätten für sein Geld nicht genug gegrübelt. Erst wenn er die mit dem tieferen Sinn beladenen Grubenhunde heulen hört, erst wenn er von der erhabenen Langeweile heimgesucht wird, fühlt sich der Abonnent kulturell befriedigt.  

 

Zwetschgendörre. Oberster Rang des Theaters, wo man mehr Jugend und Urteilsvermögen als in der Orchesterloge, wo man mehr Schmuck und Barvermögen trägt. Die Karriere des leidenschaftlichen Theaterbesuchers beginnt meist schon in der Jugend auf der Zwetschgendörre, wo man lernt, mit wenig Sauerstoff auszukommen und seine Eignung für die Tropen zu beweisen. Während die Mitschüler des Theaterfans genau sagen können, wer bei den vorletzten Olympischen Spielen im Länderkampf Burma gegen Island halbrechts, weiß jener, wer vor vielen Jahren im “Käthchen von Heilbronn” den Köhlerjungen gespielt hat. Auf der Zwetschgendörre wird der Grundstein zu einem Wissen gelegt, das den Theaterbesucher in höheren Jahren zum Schrecken der Schauspielerinnen macht, die er zum 50. Geburtstag mit dem Kompliment erfreuen kann, er hätte sie schon vor 48 Jahren als Rautendelein bewundert oder sie hätten schon vor 40 Jahren die Motes im Biberpelz mit großer Reife gespielt. 

 

 

 

Anlässlich des 60.Hochzeitstages der Queen mit Prinz Philipp wurden dessen gesammelte Fettnäpfchen von ruhmreichen Journalisten dankenswerterweise in Erinnerung gerufen. Hier eine Auswahl:  

 

Bei einem Treffen mit Bundeskanzler Kohl 1997: "Guten Tag, Herr Reichskanzler!" 

Bei einem Gespräch mit australischen Aborigines 2002: "Werfen Sie immer noch Speere aufeinander?" Einer der Aborigines antwortete höflich: "Nein, das machen wir nicht mehr." 

 

Nachdem ein australischer Aborigine ihm 2000 erklärt hat, dass er das Didgeridoo-Spielen mit dem Rohr eines Staubsaugers gelernt hat: "Hoffentlich war er nicht eingeschaltet." 

 

Zu seinem Biografen 2004: "Wenn ein Mann einer Frau die Autotür öffnet, kann das zweierlei bedeuten: Entweder ist es eine neue Frau oder ein neues Auto." 

 

Über den Straßenverkehr in London: "Londons Problem sind die Touristen. Sie verstopfen die Straßen. Wenn wir den Tourismus stoppen könnten, könnten wir die Staus verhindern." 

 

Bei einem Gespräch mit einem Arbeiter erkundigte sich Philip nach dessen Aufstiegschancen. Der Mann antwortete: "Da müsste schon mein Boss sterben." Darauf Prinz Philip: "Genau wie bei mir!" 

 

Bei Eröffnung einer jüdischen Schule 2000: "Da schickt man die Kinder auf die Schule, damit man sie los ist, und dann machen sie ihren Eltern in den Ferien das Leben schwer." 

 

Zu einer Blinden mit Blindenhund 2002: "Wissen Sie, dass es jetzt Hunde gibt, die für Magersüchtige das Essen übernehmen?" 

 

Beim Staatsbesuch im Nigeria zum Präsidenten, der den Prinzen in Landestracht begrüßte: "Sie sehen aus, als wollten Sie gleich ins Bett gehen." 

 

Im Rezessionsjahr 1981: "Zuerst fordern alle mehr Freizeit, jetzt beschweren sie sich, dass sie arbeitslos sind." 

 

Zu einem 13-jährigen Jungen, der ihm 2001 von seinem Berufswunsch "Astronaut" berichtete: "Davor müsstest du aber etwas abspecken." 

 

"Es tut mir leid, aber ich habe den Sinn Ihrer Rede nicht verstanden. Könnten Sie sie noch einmal wiederholen?" 

 

Zu einer Gruppe gehörloser Jugendlicher, die neben einer laut spielenden Band standen: "Taub? Ist ja hier auch kein Wunder, dass ihr taub seid." 

 

1986 bei einer Veranstaltung der Naturschutzorganisation WWF: "Wenn es vier Beine hat und kein Stuhl ist, wenn es zwei Flügel hat und fliegt, aber kein Flugzeug ist und wenn es schwimmt und kein U-Boot ist, werden es die Kantonesen essen." 

 

 

 

Eine lebenslange Feindschaft verband die Schauspiellegenden Joan Crawford und Bette Davis ("Sie hat mit jedem männlichen MGM-Star geschlafen - außer mit Lassie."): Als Crawford das Zeitliche segnete, äußerte sich auch Mrs. Davis: "Meine Mutter hat mir beigebracht, immer gut über die Toten zu reden. Joan Crawford ist tot - gut so!"  

 

 

 

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